April 2020

Es war einmal ein große Spatzenfamilie, die lebte mitten in Berlin in der Nähe einer Imbißbude. Dorthin kamen jeden Tag viele Menschen zum Essen und Trinken. Dabei fielen immer wieder Brot- und Brötchenkrümel zu Boden, so daß die Spatzen täglich genug Nahrung fanden. Es war nicht das beste Futter, aber es reichte aus, ihren Hunger zu stillen. So lebte die Familie und kam damit gut über den Winter.

Eines Tages blieb der Kiosk jedoch geschlossen. Aufgeregt hüpften die Spatzen um ihn herum, riefen und tschiepten, doch niemand kam. Sie suchten den ganzen Tag in der Nähe nach übrig gebliebenen Brosamen, doch als der Abend kam, war ihr Hunger nicht gestillt. In der Nacht kuschelten sie sich eng aneinander, denn wer Hunger hat, friert leichter.

Am nächsten Tag blieb der Kiosk auch zu. Die Vögel flogen weiter weg, um Futter zu finden, doch dort lebten andere Vögel, denen es genauso erging wie ihnen. Sie hörten, daß es in der ganzen Stadt so seltsam war: nirgends gab es mehr eine offene Imbißbude, nirgends aßen Menschen etwas auf der Straße. Das war sehr, sehr ungewöhnlich und merkwürdig! Was war bloß geschehen?

An diesem Abend gingen sie sehr hungrig schlafen. Dazu kam noch eine empfindliche Kälte: es gab plötzlich wieder Nachtfrost. Sie suchten sich eine windgeschützte Ecke, kuschelten sich dicht aneinander und wärmten sich gegenseitig. So überstanden sie die Nacht. Als der Morgen anbrach, sangen und zwitscherten sie wie immer aus voller Kehle – aus Freude über die überstandene Nacht und aus Hoffnung und Freude über den neuen Tag.

Weil sie inzwischen wußten, daß es allen Vögeln in der Stadt so erging wie ihnen, sparten sie ihre Kräfte und blieben in ihrer Heimat. Während sie miteinander beratschlagten, wo sie noch Futter finden könnten, sah ein kleiner Spatzenjunge ein Mädchen an einem der Fenster stehen – ganz in der Nähe ihres Busches. Sie sah zu ihm hin, schien ihn zu beobachten. Er flatterte ein Stück auf sie zu und rief immer wieder: „Tschiep-tschiep! Hast du etwas zu essen für uns? Kannst du uns helfen? Tschiep-tschiep!“

Lisa war nach dem Frühstück ans Fenster getreten, um nach dem Wetter zu sehen. Sie wollte so gern hinaus laufen und umher rennen, doch ihr Spielplatz auf dem Hof war abgesperrt worden – wegen „Corona“ hatte man gesagt. Ein komisches Wort: Corona… Während sie dem Wort nachsann, bemerkte sie den kleinen Spatzenjungen, der auf sie zu zuhüpfen schien und aufgeregt tschiepte. Sie rief ihre ältere Schwester und zeigte ihn ihr. Luise trat ans Fenster und sah den hüpfenden kleinen Spatzen an. „Na, du Kleiner? Ist dir auch langweilig?“ fragte sie lächelnd. Der kleine Spatz flatterte ihr ein Stück entgegen. „Du bist ja ein mutiger kleiner Kerl“ sagte sie freundlich und nickte ihm sanft zu. Daraufhin faßte sich der Spatz ein Herz und flog auf ihr Fensterbrett. Die Mädchen freuten sich. „Guck ´mal, Liliane“, sagte Luise zur kleinsten Schwester und nahm sie auf den Arm, damit auch sie den Spatzen sehen konnte.

Der kleine Vogel hüpfte auf dem Fensterbrett hin und her und rief immer wieder: „Gebt uns Futter! Wir haben Hunger!“ Die Mädchen beobachteten ihn verwundert. Sie hatten hier noch nie einen so zutraulichen kleinen Spatzen gesehen. Plötzlich schlug sich Lisa vor die Stirn: „Er hat Hunger!!“ Sie lief zum Tisch und wischte die Krümel in ihre Hand. Behutsam öffnete sie das Küchenfenster, um den kleinen Vogel nicht zu verscheuchen, und streute die Krümel vor ihn hin. Sofort hüpfte er darauf zu und pickte sie auf. Das sahen die anderen Spatzen, kamen ein Stück herbei geflattert und zwitscherten aufgeregt: „Wir auch! Wir auch! Tschiep-tschiep! Wir haben auch Hunger! Gebt uns auch! Tschiep-tschiep!“

Luise stellte die kleine Liliane auf einen Stuhl am Fenster und holte zwei Brötchen vom Tisch. Nun krümelten die drei Mädchen emsig kleine Brösel aus den Brötchen und warfen sie hinaus. Die ganze Spatzenschar stürzte sich darauf und pickten tschilpend sichtlich dankbar alle Krümel auf. Als alle gesättigt waren, putzten sie fröhlich zwitschernd ihr Gefieder. Immer wieder schnäbelten sie mit dem kleinen Spatzenjungen, der so mutig auf das Fensterbrett geflattert war und ihnen dieses Frühstück verschafft hatte.

Die Mädchen beobachteten sie mit tiefer Freude.

Nach einer Weile drehte sich der Schlüssel in der Wohnungstür und ihre Mutter kam vom Einkaufen zurück. „Mama! Mama!“ riefen die Drei und erzählten aufgeregt und einander ins Wort fallend, was sie erlebt hatten.

Mutter hörte aufmerksam zu. „Da müssen wir heute unbedingt noch einmal losgehen und Futter für die Vögel kaufen! Sie bekommen ja woanders nichts mehr…“, sagte sie und erklärte den Kindern, daß in der ganzen Stadt die Imbißbuden schließen mußten, weshalb die vielen, vielen Spatzen, die in deren Nähe lebten, kein Futter mehr finden konnten. „Und dann werden wir heute all unsere Verwandten und Freunde anrufen und sie bitten, den Vögeln in ihrer Nähe auch etwas Futter zu geben. Damit können wir ihnen helfen, diese Zeit zu überleben.“ Die Mädchen strahlten, und alle machten sich an die neue Aufgabe.

Fotos: Quelle pexels-photo-4079150, 4129945, 4276225 und 4084412 und Quelle des 2. Fotos ist sparrow-bird-animal-nature-64209

Beitragsbild von: Susanne Jutzeler, suju-foto auf Pixabay