Rollenverhalten

Vater Mutter Kind

Es gab kürzlich ein Telefonat, bei dem es um Erfahrungen mit klassischem Rollenverhalten ging:

Tom sprach davon, daß er, als er Vater wurde, noch gar nicht in der Lage gewesen sei, die überlieferte und gedachte Vater-Rolle auszufüllen; er sei lieber unterwegs gewesen und in seinen Lebensplänen vollkommen nach außen orientiert; für seine Vorstellungen von einer Vaterfigur war wenig Raum. Leider sei niemand dagewesen, der ihm gesagt hätte: du mußt nicht in die „Vater-Rolle schlüpfen“, du kannst hineinwachsen in diese Aufgabe und sie mit der dir eigenen Art meistern, und wenn du willst, stehe ich dir dabei zur Seite.

Beim Zuhören tauchte in ihr eine alte Erinnerung auf: sie wollte als junge Frau und Mutter alles ganz richtig machen und glaubte sich mit Anfang zwanzig gut vorbereitet für den Familienbetrieb. Als sich ungewöhnlich schnell das nächste Kind einstellte, das ihnen als sog. Schreikind viel Zeit und Geduld abforderte, wurde schnell deutlich, daß dies ein Irrtum war. (Damals war es für sie noch ein echtes Problem, wenn sich Besuch angesagt hatte und sie noch nicht fertig vorbereitet war, wenn der Kuchen nicht gelang, das Essen nicht richtig schmeckte oder anderes, das nicht optimal war…) Die äußeren Umstände waren schwierig und belasteten zusätzlich. Heute weiß sie, daß sie überfordert war. Sie hatte zeitweise das fast physische Empfinden, ihre Mutter/ Schwiegermutter/ Großmutter/ o.a. säßen ihr im Nacken oder auf der Schulter und forderten bestimmte Verhalten von ihr oder kritisierten sie. Das war alles andere als hilfreich, im Gegenteil: es verschärfte eher die Situation. Es ist ihr sehr schwer gefallen, sich davon zu lösen. – Auch sie hatte niemanden, der ihr versichert hätte: Dies und jenes ist nicht so schlimm. Du wächst dahinein. Ich helfe dir. – Sie erlebte eher Unverständnis.

Tom bezeichnete diese Stimmen prompt als Ausdruck der Mutter-Rolle, die traditionell tief in uns verwurzelt ist. Sie beeinflußt und lenkt uns, bis wir lernen, uns von ihr zu lösen, selbständig zu werden und auf eigenen Füßen und Grundsätzen zu stehen. – Das bedeutet nicht, daß wir alles über den Haufen werfen müssen! Es bedeutet, daß wir uns das Rollenverhalten bewußt machen, um nicht Spielball zu sein, um lernen zu können, daß wir gedanklich aus solchen Situationen (wie beschrieben) heraustreten, die Sachlage anschauen, bedenken und einschätzen können, um dann in Ruhe = in unserer Mitte die jeweilige Situation zu meistern. Das ist unsere Aufgabe.

Dieses kurze Gespräch arbeitete den Tag über in ihr fort. Sie erinnerte sich, daß sie hätte viel mehr werden sollen als nur „Krankenschwester mit Abitur und Fahrerlaubnis“, daß ihre Eltern und Großeltern so sehr wünschten, sie möge mehr aus sich machen und noch studieren usw. Es gab viele Stationen, an denen der gewünschte oder erhoffte Weg auch blockiert war = als sollte dies und jenes nicht sein. Vielleicht hätte es nur mehr Einsatz gefordert? Möglich. – – – In ihr erweckte dieses Wollen und Wünschen aber das Empfinden, nicht gut genug, nicht richtig geworden zu sein, bis es zu ihrer Überzeugung wurde. –

Heute dachte sie daran, wie wichtig ihr aber ihr Interesse an Menschen, auch den einfachsten, ist; wie gern sie deren Lebensansichten hört und daraus ihre Lebensweise und Weisheiten zu erkennen übt; wie sehr sie all diese Informationen in sich sammeln möchte, um herauszufinden, wie sich die verschiedenen Menschen mit Worten erreichen lassen, so daß sie einander verstehen können. (Denn wir leben schon lange in einer Zeit, in der Mißverständnisse an der Tagesordnung sind. Es ist als würden wir verschiedene Sprachen sprechen… – und tun dies ja auch.)

Sie dachte dabei an ihre (verstorbenen) Eltern und ihre Wünsche für sie, an die gemeinsamen Jahre – und plötzlich blitzte es hell zwischen ihnen auf und ein großes, tiefes Verstehen füreinander erfüllte sie und das Empfinden innigster Liebe… Es war, als sei urplötzlich ein altes Unverständnis begraben worden – … und ihre Rolle als Tochter, als Kind endgültig beendet.