Eine Erzählung für die Glückspresse der Kultur der Mitte:

Nachdenklich stand Adele vor ihrem Kleiderschrank. „Was soll ich nur anziehen?“ fragte sie sich. Mit welchem „Outfit“ sollte sie sich umgeben?
Sie betrachtete erneut die Einladung. Der Text wirkte feierlich und war in wohlgesetzten Worten auf gutem Papier geschrieben. Dennoch war es eine Einladung für ein Zusammentreffen in einem Garten nahe eines Waldes und ein Spaziergang dorthin sicher vorgesehen.
Nachdem sie einiges ausprobiert hatte, wählte sie die Kleidung, in der sie sich am wohlsten und am sichersten fühlte, bequeme Schuhe dazu tragen konnte, und eine warme Strickjacke.

Einige Zeit später stand sie mit leicht klopfendem Herzen vor einem schön geschmiedeten Gartentor.
War es das Richtige, das sie tat? Sie hatte den Mann, dessen Einladung sie folgte, bei einem Lehrgang kennengelernt. Sie waren miteinander ins Gespräch gekommen und hatten erstaunlich schnell privatere und tiefere Themen als zu Beginn üblich geführt. Er hatte ihr von seinem Herzensprojekt erzählt und sie eingeladen, sich damit bekannt zu machen. Sie war dieser Einladung gefolgt, weil er ihr vertrauenswürdig erschien; trotzdem hatte er etwas fremdartiges an sich, das sie noch nicht erfassen konnte.
Sie beschloß herauszufinden, auf welches „Abenteuer“ sie sich hier einließ, und läutete die Klingel.

Der Hausherr begrüßte sie mit herzlichen Worten. Er führte sie zunächst durch den Garten, zeigte ihr seine Anpflanzungen und erklärte, welche Ziele er damit verband. Alles, was er anbaute, sollte Heilwirkung haben auf diejenigen Menschen, die bereit waren, das verlorengegangene Wissen um die alten Pflanzen neu zu erkunden. Die Struktur des Gartens war so angelegt, daß die kosmischen Gesetzmäßigkeiten ihre Wirkungen entfalten konnten. Der Garten war noch lange nicht fertig gestaltet, aber das zugrundeliegende Gliederungskonzept war deutlich sichtbar.

Adele schwirrte der Kopf. Welch ein Wissensreichtum stand hinter alledem! Gastgeber Michael lachte leise, als sie ihrer Bewunderung Ausdruck verlieh: „Ja, liebe Adele, all das hier ist nur der Anfang. Mein Wunsch ist es, ihn allen Menschen zugänglich zu machen, und ihn mit denen, die dafür tieferes Interesse haben, gemeinsam weiter zu gestalten. Du siehst ja, wie viel hier noch zu tun ist.“ Adele staunte. Das überstieg ihr Vorstellungsvermögen: Ein Garten für alle Menschen? Wie sollte das gehen? – Hm, daß jemand mit solcher Überzeugung an die Umsetzung seiner Idee geht, fand sie beeindruckend. Hier öffnete sich ihr eine völlig andere Welt…

„Möchtest Du etwas trinken?“ fragte Michael in ihre Gedanken hinein. „Ja, gerne“ erwiderte sie und folgte ihm zu einer von Flieder umgebenen und beschatteten Terrasse, auf der sie von Michaels Herzenskönigin und Gefährtin in allen Lebenslagen Irina fröhlich begrüßt und an einen weiß gedeckten Tisch gebeten wurden. Nach der Hitze es Tages und dem umfangreichen Lehr-Gang durch den Garten mundete der Saft wie köstlicher Nektar. Sie kamen ungezwungen miteinander in ein anregendes Gespräch über private Erlebnisse, Ansichten und Erinnerungen, über aktuelle Ereignisse und über die geistige Grundlage, auf welcher Michaels und Irinas Lebenswerk und das Gartenprojekt fußte.

Adele war mit dieser Art Gedanken und einem Grundwissen dazu vertraut, was das Gespräch erleichterte. Sie spürte aber deutlich ihren Mangel an Rhetorik. Viel zu lange schon hatte sie derartige Gespräche nicht mehr führen können und war es nicht gewohnt, konkrete Nachfragen zu ihren Ansichten umfassend zu beantworten. Wenn sie unsicher wurde, wechselte sie möglichst behutsam das Thema; genug zu besprechen gab es ja.
So verging der Abend.
Überrascht von der vorgerückten Stunde verabredeten sie den geplanten Waldspaziergang auf einen der kommenden Tage und beendeten für heute ihr Beisammensein.
Auf dem Heimweg begleitete sie milder Mondenschein, der dem Erlebten einen würdigen Rahmen verlieh.


Der Tag ihres nächsten Besuches im „Wundergarten“ war gekommen. Die Sonne schien sanft über die frühlingshafte Welt und begleitete Adele auf ihrem Weg. Heute sollte der Besuch im Wald stattfinden, wo Michael ihr etwas Besonderes zeigen wollte.

Erneut wurde sie begrüßt wie ein besonderer Gast: ein ungewohntes, aber gutes Gefühl… Nach einem kühlen Trunk auf der fliederduftenden Terrasse gingen sie zum Wald. Irina war diesmal nicht dabei, sie war in eigener Sache unterwegs. Michael und Adele gingen über den gepflegten Kiesweg auf ein Mischwäldchen zu, das sich an den großen Garten anschloß. Ein ebenso schön geschmiedeter Torbogen wie das Gartentor bildete den Übergang zum Waldweg. Die Vögel zwitscherten und ein Eichhörnchen sprang ihnen entgegen, als wolle es sie begrüßen.
Die Bäume rechts und links bildeten ein Kuppeldach, unter welchem sie hindurchschritten, und am Ende des Weges leuchtete ihnen ein helles Haus entgegen. Adele überlegte, was das für ein Haus sein mochte. Es schien nicht allzu groß zu sein, empfing seine Besucher aber mit einem einladenden Portal.

Sie schritten eine kleine Treppe empor, deren steinernes Geländer sich oben nach beiden Seiten ausbreitete und einen kleinen Vorplatz umschloß, der mit einer Überdachung versehen war. Vier Gartenbänke luden zum Verweilen ein. Michael ging voraus, schloß eine mit Ornamenten verzierte Flügeltür auf und bat Adele herein.

Sie betraten eine geflieste Vorhalle mit bequem erscheinenden Sitzgelegenheiten, die zum Gespräch in kleiner Runde einluden. An den Fenstern hingen bodenlange Vorhänge und milderten auf Wunsch das einströmende Licht. Neben dem Eingang gab es Nischen für die Garderobe; geradezu führte eine breite Treppe ins Obergeschoß, die Türen daneben waren ebenfalls mit Ornamenten verziert. Alles war geschmackvoll, einladend und behaglich eingerichtet.

Michael führte sie zunächst ins Obergeschoß, dessen Empore die Eingangshalle umschloß, und führte sie auf den Erker über dem Eingang: Es bot sich ein zauberhafter Ausblick! Vor ihnen lag das Wäldchen in zartem Frühlingsgrün, dahinter schloß sich der Garten an, dessen Wege aus dieser Sicht ein lebendig erscheindes Bild ergaben. Michael lächelte über Adeles Staunen, das sichtbar in ihrem Gesicht stand. „Komm weiter“, sagte er, „laß uns das Haus ansehen.“

Wie zuvor im Garten breitete Michael seine reichhaltigen, in die Zukunft weisenden Vorstellungen vor ihr aus und lud sie ein, sich einzubringen, mitzumachen, Teil des Vorhabens zu werden.
Adele schwirrte der Kopf von Umfang und Aussicht der großen Zahl an Informationen und Ideen, welche Michael in vielen Jahren entwickelt hatte. Sie fühlte sich verwirrt. Die Welt, die sich ihr darbot, war ganz anders als die gewohnte. Trotzdem schien sie vertraut, und die beschriebene Vision wirkte glaubhaft und vor allem für ihrer aller Gegenwart und Zukunft notwendig. Wie eine Oase im bestehenden Chaos.

Michaels selbstsichere Art, auf sie zuzugehen, ihr von seinen Plänen zu berichten, klare Fragen zu stellen und ihre Antwort zu erwarten, lösten gemischte Empfindungen in ihr aus. Einerseits fühlte sie sich geschmeichelt ob des entgegengebrachten Vertrauens, das in ihr viel mehr zu sehen schien als sie selbst. Andererseits machte das viele Neue und Unbegrenzte, das spürbar dahinter stand und Michaels klaren Vorstellungen entsprach, unsicher: worauf würde sie sich hier einlassen? Wäre sie dem gewachsen? (Im Gespräch fehlten ihr jetzt schon immer wieder die Worte, weil sie es nicht gewohnt war, in großen Gedanken zu denken und zu sprechen…) – Nun: So etwas braucht Übung und Zeit dazu, ist also nicht das Problem! dachte es in ihr…

Insgesamt empfand sie eine starke Bereitschaft, sich auf diese Vision einzulassen. Welchen „Platz“ sie darin einnehmen könnte, lag in völligem Dunkel und würde sich zu gegebener Zeit finden. Sie wußte: Unsicherheit vergeht, wenn man sich mit dem auslösenden Thema befaßt.


In den folgenden Wochen und Monaten wurde sie häufiger Gast im Garten und im „Kulturhaus der neuen Zeit“, wie man es nannte. So wie im Garten war auch im Kulturhaus die Grundstruktur gelegt und für sie allmählich erkennbar. Die feineren Ausgestaltungen warteten auf weitere helfende Hände, derer es dringend bedurfte, denn Michael baute bislang allein daran und finanzierte alles noch selbst.

Adele benötigte viele Gespräche und Besuche, um sich ein Bild von der dort werden wollenden Vision zu machen. Sie konnte sich manchmal der Empfindung nicht erwehren, für Michaels Wünsche zu langsam zu begreifen, worauf er so unermüdlich hinaus arbeitete, und meinte seine Ungeduld zu spüren. Es entwickelte sich allmählich ein Ringen beider um Verständnis und Verstehen.

Nach etwa einem Jahr schrieb Adele aus einem Impuls heraus eine Zusammenfassung dessen, was sie verstanden und gelernt hatte, und leitete es mit den Worten „Wir kennen uns ja noch nicht soo gut“ ein… Für sie hatte diese nicht weiter überdachte Formulierung nichts Verwerfliches an sich, bei Michael löste sie aber eine deutliche Reaktion aus, was Adele überraschte. Obwohl sie im darauf folgenden Gespräch die aufgetretenen Unklarheiten beseitigt glaubten, schien sich am Horizont ein Gewitterwölkchen zu bilden. Sie sahen es, vermochten aber den sacht steigenden athmosphärischen Druck nicht aufzulösen.

Eines Tages war es so weit und das Gewitterwölkchen entlud sich:
Adele hatte lange an einem eigenen Projekt gearbeitet und war müde geworden. Dennoch wollte sie vor dem Zubettgehen eine vermeintliche Aufgabe Michaels bearbeiten. Dabei sprang ihr eine Formulierung ins Auge, die ihr zutiefst mißverständlich erschien und in ihr eine „Das kann man wirklich nicht so schreiben!“-Reaktion auslöste. In der Überzeugung, daß dies nur einem Versehen entsprungen sein konnte, übermittelte sie ihren Fund. – Er reagierte, was sie als Maßregelung empfand… Natürlich hatte die Möglichkeit bestanden, beim Autor nachzufragen, ob der Satz richtig verstanden wurde. Dieser Gedanke stand in besagtem Augenblick aber nicht im Raum.

In unserer schnellebigen Zeit des stets-flexibel-Seins, des raschen Reagierens, des flink Entscheidungen-Treffens usw. finden wir kaum Zeit-Raum und Muße für ein „Sag mir mal: Wie verstehst du dieses oder jenes? Wie ist das und das gemeint?“ oder für das so wichtige Inne-Halten, um auf Gedanken zu kommen wie „Welche Reaktion löse ich aus, wenn ich so und so reagiere/frage/feststelle?“ oder „Wie könnte er/sie das noch gemeint haben?“ Wir nehmen uns die Zeit dafür einfach nicht…
Natürlich hatte sie eine Schwelle übertreten, die es zu beachten gilt: für diesen Augenblick hatte sie sie aber übersehen…

Zum Glück fanden sich beide zum Gespräch, in dessen Verlauf einige „hinterm Vorhang“ stehenden Befindlichkeiten zum Vorschein kamen:Immer wieder wird kritisiert, statt zuerst das Gute und Richtige darin/daran zu sehen. Wir müssen lernen, eine „Lobes-Kultur“ zu erheben und zu leben!

Michael: Immer wieder wird kritisiert, statt zuerst das Gute und Richtige darin/daran zu sehen. Wir müssen lernen, eine „Lobes-Kultur“ zu erheben und zu leben!
Adele: Ich kann diese Lobhudelei nicht ausstehen und empfinde sie als unaufrichtig und falsch.
Michael: Wie kann man nur sagen nach all den Gesprächen „wir kennen uns noch nicht so richtig“?! Und: Besteht schon wieder die Gefahr des „Aufkündigens einer Freundschaft“??
Adele: Worin liegt das Problem des sich-erst-kennen-lernen-Müssens? Was ist daran falsch? Und: Wieso Freundschaft aufkündigen?
Michael: Wir, also meine Gefährtin und ich, wollen im Alltag so leben und miteinander umgehen, als würden wir geschätzten Besuch empfangen. Unser Umgang miteinander soll stets von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung getragen und jede Respektlosigkeit dem anderen gegenüber will vermieden sein.

Letzteres öffnete Adele die Augen: sie verstand nun den Unterschied zu ihrer eigenen Lebensart. Wenn sie sich eine solche Haltung als Grundlage vorstellte, war einiges verständlicher.

Offen blieb zunächst die Frage des sich-erst-kennen-lernen-Müssens…
Für ihr Verständnis führten zwar die offenen Gespräche zu einem besseren Kennenlernen, basierten aber auf dem Gefühl, Vertrauen haben zu können, und ihrer eigenen inneren Haltung, etwas „als Vertrauensvorschuß“ zu geben, damit eben Vertrauen entstehen könne. Kennen muß man sich dabei noch nicht. Die Gespräche sind ein Mittel dazu.

Er fragte: „Was heißt es für dich, jemanden zu kennen? Gibt es einen Menschen, von dem du sagen kannst, du kennst ihn?“ „Ja“, antwortete Adele, „meinen Mann kenne ich recht gut. Wobei ich denke, daß man niemand ganz kennen kann.“ „Wie drückt es sich aus, das Kennen?“ fragte er weiter. Sie überlegte kurz: „Nun, als erstes fällt mir ein, daß ich seine Grenzen kenne, die ich nach Möglichkeit nicht überschreiten will.“ – „Aha… – „

Adele versuchte nun, in Worte zu fassen, was ein sich-Kennen beinhaltet:

  • sich in Krisensituationen einschätzen zu können
  • eine Ahnung zu haben, wie der andere reagiert = aus den miteinander gesammelten Erfahrungen heraus
  • Ziele, Visionen, Ideale zu wissen, die ihm/ihr wichtig sind
  • Teile seiner/ihrer Biografie zu kennen
  • die Denkart einigermaßen zu kennen
  • die Lebensart einigermaßen zu kennen
  • seine/ihre Vorzüge zu wissen
  • seine/ihre Schwächen zu kennen
  • miteinander zu einem gewissen Grad vertraut sein
    = kurz: Jemanden so gut zu kennen, daß man für ihn eintreten, in seinem Sinne etwas sagen oder schreiben kann.

Beim letzten Satz lachte Michael, denn er erinnerte sich seiner Beschreibung für seine Vision.

„Und was betrifft das Freundschaft-Aufkündigen? Mir ist das schon mehrmals widerfahren. Dabei ist das so absurd! Wie kann man eine Freundschaft kündigen?!!“ fragte er weiter. „Jaah“, sprach Adele sinnend, „so etwas kenne ich auch. Ich habe das selbst einmal getan. Allerdings aus der bitteren Erkenntnis heraus, daß die vermeintliche Freundin keine war…“

Sie sah ihm in die Augen und sprach: „Das, was uns hier zusammenführte und verbindet, kann man nicht einfach aufkündigen. Alles, was wir miteinander erleben, dient der Lösungsfindung im Sinne Deiner Vision, die zur gemeinsamen wird, je besser ich sie kennenlerne.“ Michael hörte dem Gesagten noch einen Augenblick nach, dann sprach er: „So wollen wir es halten“ und reichte ihr seine Hand zu diesem Bund.