Die Hausaufgabe

2004

Der kleine Mäusejunge lief ärgerlich nach Hause. „A!“ schimpfte er vor sich hin. „Einen Satz mit A soll ich bilden! Ausgerechnet heute habe ich mich mit Willi zum Spielen verabredet und da bekomme ich so eine dumme Hausaufgabe!“ Er hätte am liebsten laut losgeheult, aber das gehörte sich ja nicht, schließlich war er schon ein großer Junge. „Trotzdem! So etwas Dummes!

Einen ganzen Satz mit A bilden!“

Seine Hausaufgabe mußte er immer erledigen, bevor er spielen ging; darauf achtete die Mäusemama, das wußte er. „Da werde ich ja nie fertig! Die olle Frau Meise denkt sich immer solche doofen Hausaufgaben aus! Wer weiß, ob sie die selber lösen kann“, lamentierte er, immer lauter werdend.

„Na, na, kleiner Freund! Redet man denn so von seiner Lehrerin?“ klang es vorwurfsvoll an sein Ohr. Er schaute sich um und sah den alten Herrn Schneck, der ihm mit seinem Haus auf dem Rücken entgegenkam.

„Na, ist doch wahr“, ereiferte sich der Mäusejunge. „Ich habe mich doch heute mit meinem Freund Willi verabredet! Bei dieser doofen Aufgabe kann ich ihm ja gleich absagen.“ „Nun ´mal in Ruhe, mein Junge, gemach, gemach. Trotzdem schimpft man nicht auf seine Lehrerin“, belehrte ihn Herr Schneck. „Wie lautet denn deine Hausaufgabe?“ Der kleine Mäusejunge erklärte ihm, daß sie bis morgen einen Satz bilden sollten, in dem alle Wörter mit „A“ anfangen. Herr Schneck bedachte sich.

Dann schaute er den kleinen Mäusejungen an und lachte. „Du mußt unterwegs nur gut ACHTgeben“, sagte er und setzte sich mit seinem großen Haus wieder in Bewegung. Der Mäusejunge sah ihm verdutzt nach. Achtgeben sollte er? „ACHTgeben“, wiederholte er ärgerlich. „Was sollte es ihm denn helfen achtzugeben?“
„Achtgeben? Moment ´mal! Achtgeben – das war ja ein Wort mit A! Ach, so, dachte er. ACH, so? Noch ein Wort mit A!“ Er lachte.

„Ach, so!“ Nun hatte er schon zwei Worte: achtgeben und ach. Hm. Aber wie sollte er denn daraus einen Satz bilden? „Das geht doch gar nicht! Aber … Ja, das ist auch ein Wort mit A. Ach – aber – achtgeben“, überlegte er. „Ach, das geht doch nicht“, zeterte er wieder, „das schaffe ich doch nie!“

Plötzlich rauschte es über ihm in der Luft und ein großer schwarzer Vogel landete vor ihm auf dem Waldweg. „Guten Tag, mein Kleiner! Du schimpfst ja so laut, daß es im ganzen Wald zu hören ist!“ „Ach, guten Tag, Frau Amsel. Ich soll einen Satz bilden, in dem alle Wörter mit A anfangen. Und wer den Satz mit den meisten Wörtern gefunden hat, bekommt eine Eins. Aber ich habe mich doch heute mit Willi verabredet! Das schaffe ich ja gar nicht alles“, erklärte er ihr höflich. Frau Amsel, die im Busch nebenan wohnte, legte den Kopf schief und sah ihn an. „Wie viele Wörter hast du denn schon“, fragte sie.

„Achtgeben und aber“, antwortete er. „Nun, mein Kleiner, ich bin ganz sicher: das schaffst du schon. Aber jetzt muß ich weiter. Du weißt doch: alle Amseln müssen abends anfangen“, sagte sie freundlich und zwinkerte ihm zu. Dann flog sie davon.

„Was denn“, rief ihr der Mäusejunge nach, „was müssen Amseln denn abends anfangen?“ Dann stutzte er. Das waren ja noch viel mehr Wörter mit A am Anfang: Amseln, abends, anfangen.

Er überlegte. Ob er jetzt schon einen Satz bilden konnte?
„Aber achtgeben alle Amseln.“
Nein.
„Abends achtgeben alle Amseln.“
Nein, das war immer noch kein richtiger Satz.
Oder doch? „Abends auf alle Amseln achtgeben.“
Oh, eins, zwei, drei, vier, nein, fünf Wörter mit A!
Würde denn das reichen für eine Eins?

Er stoppte seinen Schritt. Vor ihm hatten Ameisen quer über den Weg eine Straße gebaut und eilten emsig hin und her. Ameisen! Noch ein Wort mit A…

Er ging vorsichtig um sie herum und lief weiter.

Plötzlich überquerte eine Schlange seinen Weg. Er erschrak, denn fast wäre er mit ihr zusammengestoßen. Der Mäusejunge ließ sie vorüberziehen. „Sie schlängelt dahin wie ein Aal“, dachte er. Wie ein Aal… Noch ein Wort!

Aber was macht man mit Aalen?
Die Menschen angeln sie, hatte er gehört. „Aale angeln. Abends alle Aale angeln.“
Wie nennt man noch die Menschen, die am Wasser sitzen und angeln?

Er dachte nach.
„Ach, ja, Angler heißen sie.“
„Angler angeln Aale.“
Gab es nicht einen See in der Nähe, der so einen Namen mit A hat?

Er war so in seine Gedanken vertieft, daß er gar nicht bemerkte, daß er schon zu Hause angekommen war. Seine Mäusemama stand am Herd und kochte das Mittagessen. „Mama, Mama“, rief er, „wie heißt der See hier in der Nähe?“ Sie wandte sich zu ihm und antwortete: „Das ist der Ammersee, mein Junge. Aber warum willst du denn das wissen?“ –

„Am Ammersee angeln acht Angler abends alle Aale“, sprudelte es aus dem kleinen Mäusejungen heraus. Die Mama schaute ihn fragend an. Als er ihre Verwunderung bemerkte, berichtete er von seiner Hausaufgabe und wie ihm die Waldbewohner geholfen hatten, sie zu lösen. Er eilte in sein Zimmer, holte sein Aufgabenheft heraus, – „wieder so ein Wort mit A“, dachte er, – und schrieb den langen Satz mit A: Am Ammersee angeln abends acht Angler alle Aale.

Acht Wörter! Wunderbar!
Die Hausaufgabe war gelöst!

Jetzt gab es gleich Mittagessen – und dann konnte er endlich zu seiner Verabredung mit Willi laufen.

Am nächsten Tag in der Schule durften alle Kinder aufsagen, was sie gefunden hatten.
Dabei kamen ganz komische Sätze heraus, wie:

Amsel Agnes achtet abends auf alle Amselkinder.
Abgekämpft arbeiten alle Ameisen.
Annamaus albert absolut abscheulich.
Anton ärgert acht argwöhnische Affen.
Allgemein altern alle Affen.

Es wurde ein sehr lustiger Schultag, und alle haben viel gelacht.
Die Lehrerin war hoch zufrieden und gab ihren Schülern eine neue Aufgabe: zu morgen sollte jeder einen Satz mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens bilden.

Der kleine Mäusejunge hieß Gernegroß.
Er überlegte: „einen Satz mit G: G wie Gustav.
Na, das war ja einfach!“
Und vergnügt lief er nach Hause.


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