Das Märchen von der schönen Lilie, die ein Mensch werden wollte

2007

Es war einmal eine Lilie, die stand vor einem Haus und wurde von Jahr zu Jahr prächtiger. Sie beobachtete alle Tage die Kinder, die in diesem Haus wohnten, sah ihnen beim Spielen zu und beim Toben, sah sie lachen und manchmal auch weinen. Sie beobachtete, wie sie wuchsen und sich entwickelten, sah sie Schulkinder werden und sich verlieben, bis sie schließlich erwachsen wurden und Familien gründeten, sah zu wie der Kreis sich schloß.

In der Lilie regte sich der Wunsch, zu werden so wie sie. Nachts erzählte sie dem Mond davon und bat ihn innigst um Hilfe. Am Tage bat sie die Sonne um Rat. Und eines Morgens, als ihr Blumenelf kam und sie wie jeden Tag mit allem Notwendigen versorgte, erzählte sie auch ihm von ihrem Wunsch. Der Elf fragte erschrocken: „Liebe Lilie, warum sagst du so etwas? Habe ich denn nicht alles für dich getan, was du wolltest? Warum willst du mich verlassen?“ Die Lilie sah ihn verwundert an und fragte: „Warum glaubst du, du habest etwas falsch gemacht?“ „Ja, was soll ich denn denken, wenn du mir erzählst, wie gern du lieber ein Menschenkind wärest?“ „Ach“, seufzte die schöne Lilie und lehnte ihren vollen Blütenkopf an seine Schulter, „wenn ich sehe, wie diese Kinder herumtollen und lachen und springen, da wird mir so sonderbar zumute. Ich weiß nicht, wie mir dann geschieht, ich sehne mich nur noch danach, zu sein wie sie.“ Der Elf streichelte bei diesen Worten ihre Blätter und antwortete mit Tränen in den Augen: „Ja, wenn du dich so sehr in ihre Welt wünschst und dir ganz sicher bist, daß du von hier fortgehen willst, dann müssen wir zum Elfenkönig gehen: er wird dir helfen.“ Die Lilie sah ihren Elf überrascht an. „Ja, ich bin mir ganz sicher! Du glaubst also, es besteht eine Möglichkeit für mich, ein Menschenkind zu werden?“ fragte sie und umfing ihn dankbar mit ihren Blätterarmen. „Du hast mich immer so gut gepflegt und so liebevoll behandelt; wie kann ich dir nur danken, lieber Elf?“ „Oh“, sagte er leise, „da gibt es schon eine Möglichkeit.“ „Bitte, sag sie mir!“ Der Elf sprach leise: „Wenn du ein Menschenkind geworden bist und mich nicht vergißt, wenn du dich gern an mich erinnerst, dann werde ich durch dein liebevolles Gedenken an meine Dienste erlöst und darf als freier Elf zu den Meinen zurückkehren.“ Die Lilie hatte ihm aufmerksam zugehört und sprach nun feierlich: „Das verspreche ich dir: ich will deiner gedenken in liebevoller Dankbarkeit für die Fürsorge, die du mir erwiesen hast.“ Der Blumenelf schloß sie freudig in seine Arme und drückte sie dabei so fest an sich, daß die schöne Lilie dachte, sie breche in der Mitte durch. „Danke, liebe Lilie, ich danke dir von ganzem Herzen!“ sagte er. Dann überlegte er kurz und entschied: „Ich will gleich zum Elfenkönig gehen und ihm von deinem Wunsch berichten“. Sprach´s und eilte davon.

Die Lilie war ganz berauscht vor Glück und rief den Wolken zu, die eben vorbei schwebten: „Habt ihr gehört, liebe Wolken? Ich darf ein Menschenkind werden!“ „Ja, schöne Lilie, das haben wir vernommen, und wir wünschen dir viel Glück auf deinem Weg“, antworteten die großen weißen Wolkenberge und schwebten weiter auf ihrer Bahn. Die Lilie dankte ihnen und rief dann dem Sonnenschein zu: „Hast du es auch gehört, lieber Sonnenschein? Ich danke dir für deine sanfte Wärme, die du mir gespendet hast, wenn ich fror.“ Der Sonnenschein lächelte ihr zu und sagte: „Das habe ich sehr gern für dich getan. Ich wünsche dir ebenfalls viel Glück auf deinem Weg!“ Die schöne Lilie rief erneut: „Wind, lieber Wind! Auch dir sage ich Dank für die laue Luft, die du mir an heißen Tagen zugefächelt hast und dafür, daß du mich mit deinen Eiswinden im Winter verschontest.“ Der Wind sauste heran, streichelte ihre vollen Blüten und säuselte: „Viel Glück, schöne Lilie!“ und rauschte davon. Die Lilie sah ihm eine Weile nach. Schließlich wandte sie sich der Erde zu ihren Füßen zu und sprach: „Erde, liebe Erde, auch dir möchte ich danken für allen Halt und alle Nahrung, die du mir gabst!“ Die Erde bedankte sich dafür, daß sie nicht vergessen wurde und wünschte ebenfalls alles Gute. Endlich neigte Lilie ihr Blütenhaupt den Blumengefährtinnen auf ihrem Beet und den Büschen und Bäumen im Garten zu und sagte ihnen herzlich Lebewohl.

Während alle nun tränenreich Abschied von einander nahmen, kam der Elf zurück und sprach: „Liebe Lilie, der Elfenkönig erwartet dich morgen früh in seinem Schloß.“ „Ach, meine lieben“, sagte die Lilie wehmütig, „nun geht es doch so schnell. Wie sehr werde ich euch alle vermissen!“ „Bitte weine nicht“, bat der Elf, „du wirst es bestimmt gut haben in der neuen Welt. Hab nur Mut!“ Er lief hinters Haus und kam mit Spaten, Schaufel und einem Blumentopf zurück: „Dann wollen wir dich vorbereiten für deinen Besuch beim König morgen früh. Ich habe dir den schönsten Topf mitgebracht, den ich finden konnte.“ „Ich danke dir“, sagte die Lilie, schürzte ihre Blätter und zog ihre Wurzelfüße zurück, damit der Elf sie nicht verletzte, als er den Spaten in die Erde senkte.

Er hob sie vorsichtig hoch und setzte sie in den Topf. Dann füllte er ihn mit Erde auf und drückte sie fest an: „Damit du nicht heraus fällst!“ Der Elf brachte den Handwagen und stellte den Topf darauf: „Nun, gefällst du dir? Stehst du bequem?“ Sie betrachtete den Topf und ruckelte sich ein wenig zurecht. „Ja, es ist alles sehr schön. Ich bin nur so furchtbar aufgeregt“, hauchte sie. „Was ist, wenn der König es nicht erlaubt?“ Sie sah ihren Blumenelf besorgt an, doch der meinte sehr zuversichtlich: „Wenn sich jemand entscheidet, diese Welt zu verlassen, um in die nächste überzusiedeln, dann wird ihm immer geholfen, weißt du? So lautet das Gesetz. Hab keine Angst! Versuch lieber zu schlafen, denn morgen wird es ein anstrengender Tag. Gute Nacht!“ Mit diesen Worten ließ er die Lilie allein und ging nach Haus.
Die Nacht war hereingebrochen, und der Mond legte sein sanftes Licht über alles, was existierte. Es wurde still in der Welt, und alles war gut. Beruhigt schlief sie ein.

Noch vor den ersten Sonnenstrahlen wurde die Lilie von den Vögeln geweckt. Sie öffnete die Augen und sah, daß sich alle um sie herum versammelt hatten: die wilden Spatzen, die frechen Kohlmeisen, die Grünfinken und Blaumeisen, sogar das Amselpärchen und die Stare waren gekommen, ihr Lebewohl zu sagen. Gerührt neigte die schöne Lilie ihr Blütenhaupt und ließ große Tränen zu Boden kullern. „Habt Dank für eure Freundschaft“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. „Ich werde euch nie vergessen!“ „Das darfst du auch nicht“, riefen ihr die Spatzen munter zu, „denn wenn wir uns wiedersehen, mußt du uns helfen, über den Winter zu kommen.“ „Ja, ja“, piepsten die kleinen Meisenkinder, „vergiß uns nur nicht und hilf uns wie wir dir geholfen haben.“ Ja, das wolle sie versprechen, gab Lilie zur Antwort. Sie dachte daran, wie fürsorglich die kleinen Vögel ihr alles Ungeziefer vom Leibe gehalten hatten, damit sie in ihrer jetzigen Pracht dastehen konnte.

Der Blumenelf kam um die Ecke, und Lilie verabschiedete sich von ihnen und versprach, sich später auch ihrer zu erinnern. Sie begrüßte ihn und sagte: „Mein lieber Elf, ich bin bereit!“ „Dann kann es ja losgehen“, meinte er, „wir werden etwa eine Stunde unterwegs sein. Möchtest du vorher noch etwas Wasser?“ „Sehr gern“, antwortete sie und hob die Blätter, damit er sie beim Gießen nicht benetzte. „Ich danke dir.“ Der Elf nahm den Handwagen und zog sie vom Hof.

Sie sprachen nicht viel auf dem Weg zum König, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die Sonne war inzwischen aufgegangen und tauchte das ganze Land in leuchtendes Rotgold. Die Lilie betrachtete ihre Heimat und prägte sich jeden Baum und jeden Strauch gut ein. Sie wollte sich daran erinnern, wenn sie wiederkam, das nahm sie sich ganz fest vor.
Nachdem sie eine Weile gegangen waren, tauchten hinter einer Wegbiegung die Türme des Elfenschlosses auf. Die Turmdächer waren aus geschliffenen Rubinen in der Form von Zwiebelchen, weshalb die Leute sie Zwiebeltürme nannten.
Die Sonne schien ihren Weg durch den Tag genau zwischen diesen Türmen zu beginnen. Sie warf ihre Strahlen auf die Turmspitzen, daß sie funkelten und gleißten in allen nur denkbaren Rottönen. Die Wanderer beschatteten ihre Augen mit den Händen und beobachteten das wundersame Schauspiel.
Die Schloßmauer bestand aus poliertem Bergachat und umgab ein achteckiges Areal. In die Schloßmauer war in jede Himmelsrichtung ein Tor aus fein geschliffenem Saphir eingelassen. Sie gingen weiter und kamen am Westtor an, wo sie um Einlaß baten. Der Elf berichtete dem Wächter von ihrem Begehren; darauf öffnete sich eine kleine Türe, die so kunstvoll in die große eingearbeitet war, daß man sie nicht erkennen konnte. Der Wächter setzte dem Elf und der Lilie Brillen auf mit den Worten: „Die werdet ihr hier brauchen.“ Dann ließ er sie passieren. Sie traten in den Schloßhof und staunten. Die Wege waren in gleichmäßigem Muster mit Smaragden gepflastert. Im Brunnen zu ihrer rechten plätscherten Goldfische in einem Becken aus poliertem Amethyst, und das Schloß war aus Bernstein erbaut. Die Fenster hatte man aus klarem Bergkristall gefertigt und mit facettierten Einfassungen versehen. Trafen die Sonnenstrahlen darauf, glitzerten sie in allen Farben des Regenbogens.

Beim Anblick dieser so unglaublich schönen, funkelnden Pracht wären sie ohne die Spezialbrillen ganz sicher geblendet worden.
Der Elf zog den Handwagen bis auf den Schloßplatz und sprach zur Lilie: „Warte hier einen Moment, ich melde uns an.“ Dann lief er zum Schloßtor und läutete. Ein Diener öffnete die Türe und bat den Elf in die Empfangshalle. Diese Halle war ganz in gelb gehalten. So war es übrigens im ganzen Schloß: ein jeder Raum bestand aus den Edelsteinen einer bestimmten Farbe. Der Thronsaal war weiß, der Tanzsaal rot, der Vorlesungsraum grün und das Besprechungszimmer blau; jeder Raum hatte also die zu ihm passende Farbe. Der Blumenelf stand noch immer staunend über all die Pracht, als zwei Diener die schöne Lilie hereintrugen. Dann führte man sie in das Verhandlungszimmer und bat sie, sich zu setzen.

Die beiden schauten sich um. Die Wände zierten die hellen Steinen des klaren Turmalins, der Fußboden war aus poliertem Lapislazuli. Blauer Achat schmückte den Thron des Elfenkönigs und Chrysopras die Stühle der Gäste. Für den Tisch hatte man blaßblaugrünen Türkis verwandt und für die inneren Fenster Aquamarin. Die Tür zu diesem Saal bestand aus gegebenem Anlaß aus Blauquarz. Während sie noch die uralte Weisheit in der Verwendung der Edelsteine und die hohe Handwerkskunst bewunderten, mit der diese Kostbarkeiten geschaffen wurden, trat der Elfenkönig in den Saal. Sie erhoben sich von ihren Sitzen und sanken auf die Knie. Der König bat sie jedoch, sich zu erheben und begrüßte sie aufs herzlichste. „Seid willkommen in meinem Haus! Wie ich hörte, möchte sich unsere Jungfer Lilie auf den Weg in die Menschenwelt machen?“ Die schöne Lilie senkte schüchtern ihr Haupt, und der Elf formulierte stellvertretend ihre Bitte: „Ja, Herr König, sie sehnt sich danach, ein Menschenkind zu werden.“

Der Elfenkönig betrachtete sie freundlich und fragte: „Nun, Jungfer Lilie, du hast dir diesen Schritt auch gut überlegt? Es gibt dann kein Zurück mehr, das mußt du wissen.“ „Ja, Herr König“, versicherte die Lilie und bebte vor Erregung, „ich habe es mir genau überlegt und will ihn gehen.“ „Gut“, sprach der Elfenkönig, „dann darfst du dich von deinem Blumenelf verabschieden. Danach wirst du in den Thronsaal geführt und in die Geheimnisse des Übergangs in die Menschenwelt eingeweiht.“

Die schöne Lilie umarmte darauf ihren lieben Elf und verabschiedete sich unter vielen Tränen und Dankesworten für seine Mühe.

Nachdem der Elf das blaue Zimmer verlassen hatte, führte man die schöne Lilie in den Thronsaal. Dieser war aus geschliffenem Kristall erbaut, und die Lilie stand, geblendet von der glitzernden Pracht, stumm staunend da.
Der Thron vereinigte in sich die schönsten Diamanten, die es im Lande gab, und hatte die Eigenschaft, daß der, der darauf saß, nur die Wahrheit erkennen und sprechen konnte. Gleiches galt für die drei Stühle, die vor dem Thron standen für jene, die dem Elfenkönig ihr Anliegen vortragen und seine Hilfe erbitten wollten. Zwei Diener brachten die schöne Lilie nun zu dem Stuhl, der in der Mitte stand, und setzten sie darauf. Geschwind breitete man kunstvoll gefertigte Teppiche auf dem Fußboden aus und ließ seidene Vorhänge für die Fenster und Wände herab, die das Glitzern und Blinken im Raum in sich aufnahmen und den Anwesenden einen Aufenthalt ohne Brille ermöglichten. Zuletzt erschien der König mit seinem Gefolge, setzte sich auf den Thron und eröffnete die Sitzung.

„Liebe Anwesenden, wir haben uns heute hier versammelt, um unserer Jungfer Lilie den Weg in die Welt der Menschen zu weisen. Ihr Blumenelf hat mir berichtet, daß die hier anwesende Jungfer Lilie die möglichen Entwicklungen im Pflanzenreich vollendet hat und bereit ist für den nächsten Schritt auf dem Weg zu ihrer Vollkommenheit.“ Unter den Anwesenden begann ein erstauntes Gemurmel: Eine Lilie wollte eine menschliche Seele erwerben? So etwas hatte man lange nicht erlebt! Doch der Elfenkönig gebot mit einer Handbewegung Ruhe und sprach weiter: „ Verehrte Jungfer Lilie, um in den Besitz der kostbaren menschlichen Seele zu kommen, mußt du drei Aufgaben erfüllen. Die erste Aufgabe lautet, den Leib, den du von unserer Mutter Erde erhalten hast, abzulegen und ihr zurückzugeben. Du wirst nur das Bild deiner selbst zurückbehalten. Die zweite Aufgabe fordert dein Vertrauen, denn du mußt ins Meer steigen und dich von den Wellen ans andere Ufer tragen lassen. Dabei darfst du keine Angst zeigen und dein Vertrauen nicht verlieren. Als drittes mußt du bereit sein, dich ganz zu opfern. Wenn du diese drei Aufgaben bestehst und die Liebe, die du in dir trägst, nicht verlierst, dann bist du bereit für eine eigene menschliche Seele. “ Die schöne Lilie hatte den Worten des Elfenkönigs aufmerksam gelauscht und neigte zustimmend ihr volles Blütenhaupt. „Ja“, sprach sie, „ich will die genannten Bedingungen erfüllen.“ Der Elfenkönig nickte freundlich und setzte den kommenden Sonntag als Tag für die Entlassungszeremonie aus dem Reich der Pflanzen und Elfen fest.

Nachdem der Elfenkönig mit seinem Gefolge den Saal verlassen hatte, brachten die beiden Diener die Lilie in ein besonderes Gemach und stellten sie auf einen kleinen Tisch. Es war ein kleiner kugelförmiger Raum, der aus grünen und blauen Edelsteinen aller Schattierungen gefertigt war. Die Farben erinnerten die schöne Lilie an die Berichte ihres Blumenelfen über das Meer, das hinter dem östlichen Teil des Palastes begann. Sie fragte sich, wie sie es bewerkstelligen sollte, ohne ihren gewohnten Leib ans andere Ufer zu gelangen.
Ihre Überlegungen währten jedoch nur kurze Zeit, denn schon erschienen die beiden Diener wieder und trugen eine wunderschöne gläserne Vase herein. „Wir müssen dich aus deinem Topf nehmen und in diese Vase stellen. Sie enthält Meereswasser und soll dich auf deine Reise vorbereiten.“ „Ich danke euch“, sagte die Lilie und schürzte ihre Blätter, damit sie beim Austopfen nicht zu Schaden kämen. Sie sah zu, wie sie ihr Wurzelwerk sorgfältig abbürsteten und wuschen, damit kein Krümelchen Erde an ihr haften blieb. Als sie im Meerwasser stand, verabschiedeten sich die Diener und empfahlen ihr, die verbleibende Zeit zu nutzen und sich mental auf das bevorstehende Ereignis vorzubereiten. Sie würden das Wasser täglich wechseln kommen und auch für sie da sein, wenn sie es wünschte; sie bräuchte nur zu rufen. Die schöne Lilie bedankte sich, dann ließ man sie allein.

Sie lehnte sich bequem gegen den Rand der Vase und fühlte mit ihren Wurzeln das bisher unbekannte reine Element des Wassers und die Bewegungsfreiheit, die es ihnen bot. Die blaugrüne Umgebung wirkte beruhigend, und die schöne Lilie dachte an die Worte des Königs, die ihre Zukunft enthielten. Sie konnte sich nur schwer ihre eigene Körperlosigkeit vorstellen, nahm sich aber fest vor, niemals die ihr innewohnende Liebe und das Vertrauen zu verlieren, und beschloß, den Blick zurück zu vermeiden und statt dessen nach vorn und den gestellten Aufgaben entgegenzusehen.
Die seltsame Beschaffenheit des Raumes ließ sie nicht nur jedes Zeitgefühl vergessen, auch die räumliche Empfindung hörte auf und sie beobachtete, wie sich ihr pflanzlicher Körper im Wasser und der herrschenden Umgebung allmählich aufzulösen schien, ohne daß ihr dieser Prozeß aber unangenehm wurde. So vergingen die Tage, bis die Türe aufging und die Diener sie mit der Vase ergriffen und in die Schloßkapelle trugen. Dort hatte man sich schon zur Zeremonie versammelt und stand in andächtiger Erwartung, von sanft klingender Musik umgeben.

Die schöne Lilie wurde der Vase entnommen und auf den Altar gelegt. Der Priester fragte sie, ob sie bereit sei, und als sie das bejahte, sprach er seinen Segen über sie. Dann trug er die Lilie zu einem Becken, das mit geweihter Erde gefüllt war, und legte sie darauf. Mit der einen Hand faßte er ihren Blütenkopf und entfernte mit einer diamantenen Pinzette in der anderen ihr Blütenauge, welches das Abbild ihrer selbst enthielt, und verschloß es sicher in einer kristallenen Kugel. Ihren Pflanzenkörper aber übergab er der Erde, die ihn freundlich wieder aufnahm.
Die Kristallkugel mit dem Abbild der schönen Lilie wurde unter herrlichem Gesang aus der Kapelle heraus an den Strand getragen, wo sie der Priester betend unter Wasser öffnete und die Essenz der schönen Lilie in das Meer entließ. Die Elfen verfolgten singend ihren Weg übers Meer, solange sie sie sehen konnten. Schließlich wandten sie sich ab und verließen singend den Strand.

Dann kehrte Ruhe ein.

Das ewige Gedächtnis der schönen Lilie wunderte sich zunächst über den veränderten Zustand, mit dem es zwar keine Empfindungen hatte, wie wir sie kennen, aber sich an alles erinnern konnte, das sich zugetragen hatte. Während es sich noch fragte, was der Elfenkönig meinte, als er sagte, die Lilie dürfe ihr Vertrauen und ihre Liebe nicht verlieren, erkannte es die drohende Gefahr: das Meer mit seiner Unendlichkeit nahm das Gedächtnis der schönen Lilie allmählich in sich auf und verteilte es in seinen Abermillionen Wassertropfen – solange bis es verschwand und sein Bewußtsein verlor. Das letzte, das es dachte, war: „Ich will in Liebe vertrauen…“

Lange trieb es so im Meer; vergessen schien alles, was je geschehen war.

Doch so, wie nichts je vergeblich ist, so geht auch niemals etwas wirklich verloren.

Als die Zeit reif war, fischten Helfer am anderen Ufer unermüdlich und so lange im Meer, bis auch die letzte Erinnerung im Gedächtnis der schönen Lilie gefunden war. In ein kostbares Gefäß gefüllt, trug man das Abbild der Lilie seiner dritten und letzten großen Aufgabe entgegen. Das Gefäß wurde in einem Tempel feierlich einem Helfer übergeben, der sich verpflichtete, Zeit seines Daseins der neuerstehenden Seele behilflich zur Seite zu stehen. Als der Tempel dieses gewaltige Versprechen empfangen hatte, trugen Tempeldiener das Gefäß mit dem Abbild der schönen Lilie zum Schrein des Lichtes. Dieser hatte die Gabe, die Gedächtnisse der Wesen auf ihr Vertrauen und die beständige Liebe in den Höchsten zu prüfen. Wurde diese Probe bestanden, so verband der Lichtschrein das betreffende Gedächtnis mit einer neugeborenen Seele und übergab diese in die Obhut ihres Helfers.

Diese Zeremonie war für alle Gäste immer etwas höchst besonderes, und so war es natürlich auch heute. Von beständig gemurmelten Gebeten begleitet, wurde das Gedächtnis der schönen Lilie zur Prüfung dem Schrein des Lichtes übergeben. Dann warteten alle still auf das Ergebnis.

Im Schrein blitzte es plötzlich hell weiß auf, und die Zuschauer ließen ihrer Freude freien Lauf: die schöne Lilie hatte auch die letzte Aufgabe bestanden und eine menschliche Seele erhalten. Ihr ewiger Helfer entnahm diese Seele mit ihrer kostbaren Schale dem Lichtschrein, trug sie zum Altar des Tempels und wurde ihr Taufpate. Dort wurde sie mit dem Segen der Götter auf den Namen „Liliana“ getauft, denn jede Seele braucht ihren eigenen Namen, der sie für alle Ewigkeit unverwechselbar macht. Dann nahm der Taufpate Liliana an die Hand, trat mit ihr vor die versammelten Gäste und sprach zu ihr gewandt: „Wir begrüßen dich, Liliana, und möchten dich in unsere Gemeinschaft aufnehmen. Dazu legen alle Seelen ein Gelöbnis ab, um den Bund mit uns für alle Zeit zu besiegeln. Bist du dazu bereit?“ Sie versicherte ihre Bereitschaft mit einem klaren „Ja“, und er fuhr fort: „Liebe Gäste! Hört Lilianas Gelöbnis und bewahrt es in eurem Bewußtsein, denn ihr seid ihr durch dieses Versprechen zur Hilfe verpflichtet, wann immer sie ihrer bedarf.“
Er wandte sich wieder Liliana zu und forderte sie auf: „ Sprich mir bitte nach:

Ich kämpfe dagegen an zu vergessen, woher ich komme!
Ich gehe tatkräftig und fleißig durchs Leben!
Ich übe mich darin, alles, was geschieht, heiter und vertrauensvoll anzunehmen!
Ich lerne die Naturprozesse kennen und lebe zum Wohl von Mutter Erde!
Ich gedenke des Wintergeistes!“

Als Liliana seine Worte nachgesprochen hatte, hielt er weihevoll seine Hände über ihr Haupt und sagte: „Auf ewig sei dein Versprechen in dein Gedächtnis gebrannt, durch Raum und Zeit hindurch!“

So wurde die schöne Lilie als menschliche Seele Liliana im Reich der Seelen und ihrer Helfer aufgenommen, und ihr Weg ins Reich der Menschen war geebnet.

Was soll ich noch erzählen?

Sie kam als Kind in das Haus, in welches sie sich gewünscht hatte.
Als dieses Kind größer wurde und den Spatzen und Meisen, den Finken und Amseln begegnete, erinnerte es sich an sein Versprechen. Es gedachte auch seines früheren Blumenelfen und gewann in ihm einen der sogenannten imaginären Spielgefährten, wie diejenigen Erwachsenen das gern benennen, die sich nicht mehr erinnern können, und erlöste ihn dadurch.

Liliana fütterte mit ihrer Mama zusammen Winter für Winter die Vögel an ihrem Fenster und vergaß auch nie die Blumen in ihrem Garten. Zumindest, solange sie noch Kind war, erinnerte sie sich oft und gern an ihre Zeit und die gegebenen Versprechen als Lilie.

Ihres Gelöbnisses gedachte sie unbewußt ihr Leben lang, war fleißig und freundlich gegen jedermann.
Den Geist des Winters zu finden, dauerte etwas länger; doch da sie die Verbindung zu ihrem Paten aufrecht erhielt, löste sie auch dieses Geheimnis.

Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie noch heute…